Innere Anteile: Warum ein Teil von dir gestresst ist und ein anderer nicht
Neurogespür

Du kennst das vielleicht: Ein Teil von dir will die E-Mail sofort beantworten, ein anderer möchte am liebsten den Laptop zuklappen und weglaufen. Genau dieses innere Gegeneinander lässt sich mit Internal Family Systems, kurz IFS, oft überraschend gut verstehen. Statt zu sagen «Ich bin gestresst» kannst du dich fragen: Welcher Teil von mir fühlt sich gerade gestresst – und was versucht er für mich zu tun?
Das klingt zunächst vielleicht ungewohnt. Für viele Menschen entsteht dadurch aber etwas sehr Hilfreiches: mehr Abstand, mehr Verständnis und weniger innerer Kampf.
Was ist IFS und warum ich mich darin weitergebildet habe
Internal Family Systems, kurz IFS, wurde vom amerikanischen Familientherapeuten Richard C. Schwartz entwickelt. Im IFS-Modell wird die menschliche Psyche als ein inneres System verstanden, in dem unterschiedliche Anteile miteinander in Beziehung stehen. Diese Anteile können ganz unterschiedliche Aufgaben, Gefühle und Überzeugungen haben.
Manche Anteile versuchen beispielsweise, alles unter Kontrolle zu halten, besonders gut zu funktionieren, Konflikte zu vermeiden oder dafür zu sorgen, dass niemand enttäuscht wird. Andere können mit alten Verletzungen, Ängsten oder einem Gefühl von Nicht-genügen verbunden sein.
IFS unterscheidet dabei unter anderem zwischen Beschützern und verletzlichen Anteilen. Beschützer versuchen, das System vor Schmerz oder Überforderung zu bewahren – manchmal auf eine Weise, die heute gar nicht mehr besonders hilfreich ist.
Und dann gibt es im IFS das sogenannte Self. Damit ist keine weitere «Figur» in uns gemeint, sondern eine grundlegende innere Ressource, die sich beispielsweise durch Ruhe, Neugier, Klarheit, Mitgefühl und Verbundenheit ausdrücken kann.
Ein wichtiger Gedanke dabei ist: Kein Teil muss weg. Auch ein Verhalten, das uns heute Schwierigkeiten macht, kann ursprünglich einmal eine sinnvolle Schutzfunktion gehabt haben. IFS interessiert sich deshalb weniger für die Frage «Wie werde ich diesen Teil los?» und mehr für die Frage: «Was versucht dieser Teil für mich zu erreichen?»
Im Herbst 2025 habe ich das sechsmonatige IFS Online Circle Programm gestartet und im August 2026 abgeschlossen. Das Programm hat mir einen vertieften Einblick in die Kernprinzipien und Arbeitsweisen des IFS-Modells gegeben. Für mich ist diese Weiterbildung eine Ergänzung zu meiner bisherigen Arbeit mit Körper und Nervensystem.

IFS und Nervensystemarbeit: zwei Perspektiven auf dasselbe Erleben
In meiner Arbeit verbinde ich seit Jahren körperorientierte Nervensystemarbeit mit Elementen aus der Polyvagaltheorie. Dabei hilft mir die Nervensystemperspektive, körperliche Reaktionen auf Stress und Überforderung besser zu beschreiben: Anspannung, Rückzug, erhöhte Wachsamkeit, Erstarrung oder das Gefühl, nicht mehr richtig handlungsfähig zu sein.
IFS setzt an einer anderen Stelle an. Es fragt beispielsweise: Welcher Teil von mir reagiert gerade so? Vielleicht gibt es einen wachsamen, kontrollierenden Anteil, der Sicherheit über Perfektion herstellen möchte. Oder einen Teil, der sich plötzlich sehr klein, hilflos oder verletzlich fühlt.
Beide Perspektiven können sich in meiner Arbeit ergänzen. Sie sind aber nicht dasselbe und sollten auch nicht miteinander verwechselt werden. Die Nervensystemarbeit richtet den Blick stärker auf körperliches Erleben und Regulationsprozesse. IFS bietet eine Sprache dafür, unterschiedliche innere Reaktionen, Bedürfnisse und Schutzstrategien wahrzunehmen.
Ich nutze beide Modelle deshalb vor allem als Landkarten, die Menschen dabei unterstützen können, ihr eigenes Erleben besser zu verstehen.
Warum «ein Teil von mir» etwas verändern kann
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie viel sich durch eine kleine sprachliche Veränderung verschieben kann. Wenn ich sage: «Du bist gestresst», kann sich das schnell wie ein Urteil über die ganze Person anfühlen. Wenn wir stattdessen sagen: «Ein Teil von dir fühlt sich gerade überfordert», entsteht möglicherweise etwas mehr Abstand.
Du bist nicht mehr vollständig der Stress. Du kannst ihn beobachten. Und vielleicht wird dadurch eine weitere Frage möglich: «Was möchte dieser Teil gerade für mich erreichen?»
Vielleicht möchte er dich vor einem Fehler bewahren. Vielleicht möchte er verhindern, dass du abgelehnt wirst. Vielleicht versucht er, dich davor zu schützen, wieder etwas zu erleben, das sich früher einmal sehr schmerzhaft angefühlt hat.
Das bedeutet nicht, dass jede innere Reaktion auf eine bestimmte Kindheitserfahrung zurückgeführt werden muss. Und es bedeutet auch nicht, dass jeder «Teil» eine eigenständige Persönlichkeit ist. Es ist eine Möglichkeit, das eigene Erleben differenzierter wahrzunehmen.
Das Gleiche gilt für scheinbar widersprüchliche Gefühle. Ein Teil kann Angst vor einer neuen Herausforderung haben, während ein anderer Teil sich genau darauf freut. Beides darf gleichzeitig da sein.
Ein Beispiel aus meiner Praxis
Eine Klientin kam zu mir, weil sie vor grösseren Präsentationen regelmässig in eine Art inneren Blackout fiel. Ihr erster Impuls war, sich selbst als «nicht belastbar genug» zu bezeichnen.
In der Anteilearbeit wurde deutlich: Ein Teil von ihr wollte glänzen und war hoch motiviert. Gleichzeitig wurde ein jüngerer, verletzlicher Anteil spürbar, der mit einer belastenden Erfahrung aus der Schulzeit verbunden war, bei der sie vor der Klasse blossgestellt worden war.
Die beiden Seiten schienen auf den ersten Blick gegeneinander zu arbeiten. Auf der einen Seite: «Ich will das schaffen.» Auf der anderen: «Ich will verhindern, dass mir so etwas noch einmal passiert.»
Aus IFS-Perspektive macht genau das Sinn: Auch ein Teil, der heute vielleicht übervorsichtig oder störend wirkt, verfolgt häufig eine Schutzabsicht. Indem die beiden Seiten getrennt wahrgenommen und ernst genommen werden konnten, entstand mehr innerer Raum. Die Reaktion auf Präsentationen veränderte sich spürbar. Nicht unbedingt, weil sie «stärker» geworden war, sondern weil weniger innerer Kampf entstanden war.
Was der IFS Online Circle war und was er nicht ersetzt
Mir ist Transparenz hier wichtig. Im Herbst 2025 habe ich das sechsmonatige IFS Online Circle Programm gestartet und im August 2026 abgeschlossen. Das Programm richtet sich an Menschen, die sich mit dem IFS-Modell vertraut machen und einen vertieften Einblick in seine zentralen Konzepte und Arbeitsweisen gewinnen möchten.
Es ist nicht dasselbe wie eine umfassende IFS-Ausbildung und ersetzt insbesondere keine professionelle psychotherapeutische Ausbildung oder klinische IFS-Ausbildung. Ich bin deshalb auch keine IFS-Therapeutin und biete keine eigenständige IFS-Therapie an.
Meine Arbeit ist Coaching. Ich nutze Elemente und die Sprache der Anteilearbeit als Ergänzung innerhalb meines bestehenden Ansatzes der Nervensystem- und Körperarbeit. Das ist mir wichtig zu benennen gerade weil Coaching und Psychotherapie unterschiedliche Aufgaben und Rahmenbedingungen haben.
Wie ich mit Anteilen in Coaching und Workshops arbeite
In Einzelsitzungen nutze ich die Anteile-Sprache häufig, um innere Konflikte greifbarer zu machen. Aus «Ich will nicht mehr.» kann beispielsweise werden: «Ein Teil von mir will nicht mehr. Ein anderer Teil hat Angst, jemanden zu enttäuschen.» Diese Unterscheidung kann helfen, verschiedene Bedürfnisse sichtbar zu machen, ohne dass eine Seite sofort bekämpft werden muss.
In Teams und Firmenworkshops verwende ich das Konzept behutsamer und meist ohne den Fachbegriff IFS. Die Vorstellung, dass unterschiedliche innere Kräfte in uns wirken können – beispielsweise eine, die unter Druck besonders gut funktioniert, und eine andere, die innerlich längst erschöpft ist –, ist für viele Menschen unmittelbar nachvollziehbar.
Kombiniert mit Nervensystem-Wissen und meinem Ansatz Stoppen, Spüren, Abbiegen entsteht daraus ein Werkzeug, das sowohl körperorientiert als auch sprachlich zugänglich ist.
Was das für dich bedeutet
Du musst kein Fachvokabular kennen, um mit inneren Anteilen zu arbeiten. Vielleicht reicht zunächst schon der Satz: «Ein Teil von mir fühlt das gerade so. Ein anderer Teil sieht es anders.»
Damit musst du nichts wegmachen. Du musst auch keinen inneren Konflikt sofort lösen. Du schaffst zunächst nur etwas Raum zwischen dir und dem, was gerade in dir passiert. Und manchmal beginnt genau dort Veränderung.
Wenn du das Gefühl hast, dass bestimmte innere Muster dich schon länger begleiten oder verschiedene Seiten in dir immer wieder miteinander kämpfen, kann das ein guter Ausgangspunkt für Coaching sein.

Gisèle Ladner
Nervensystem-Coach
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