Stoppen, Spüren, Abbiegen: wie wir Muster verändern

Neurogespür

9 minVon Gisèle Ladner
Stoppen, Spüren, Abbiegen: wie wir Muster verändern

Die meisten meiner Coachees wissen genau, was sie verändern möchten – und scheitern trotzdem an der Umsetzung. Weil unser Nervensystem schneller reagiert als unser Denken. «Stoppen, Spüren, Abbiegen» ist der dreistufige Weg, um alte Muster über Neuroplastizität neu zu trainieren.

Meistens reagieren wir schon, bevor wir nachgedacht haben

Die meisten Menschen, die zu mir ins Nervensystem-Coaching in St. Gallen, Zürich oder online kommen, haben kein Wissensproblem. Sie haben reflektiert, Podcasts gehört, Bücher gewälzt, oft eigene Therapie- oder Coaching-Erfahrung.

Der Satz, den ich am häufigsten höre, ist: «Eigentlich weiss ich das ja, aber …» Direkt gefolgt von: «Rational macht das keinen Sinn, aber trotzdem …»

In der ersten Sitzung mache ich meist deutlich, dass die Macht unserer Gedanken oft kleiner ist, als wir annehmen. Unser autonomes Nervensystem scannt über die sogenannte Neurozeption ständig unsere Umwelt, unsere Mitmenschen und unseren Körper – wie eine innere Security.

Kommt diese innere Security zum Schluss, dass wir gerade unsicher oder bedroht sind, folgt eine autonome Reaktion. Diese Reaktion ist viel schneller als unser bewusstes Denken. Kurz: Meistens reagieren wir schon, bevor wir nachgedacht haben.

Warum Nachdenken allein Verhaltensmuster selten verändert

Reaktions- und Verhaltensmuster lassen sich schwer mit Willenskraft verändern. Denn jedes noch so mühsame, merkwürdige oder sogar schädliche Muster ist aus Sicht deines Nervensystems eine Strategie, die einmal erlernt wurde und einmal Sinn gemacht hat.

Zwei typische Beispiele:

  • Perfektionismus: Menschen, die sich als sehr perfektionistisch beschreiben, machen vieles sehr gut und sind oft sehr erfolgreich. Alles perfekt zu machen funktioniert lange – bis sie an einen Punkt kommen, an dem das, was sie tun, nie wirklich zu reichen scheint.
  • Kontrolle: Manche haben gelernt, dass Kontrolle unbewusst ein Gefühl von Sicherheit gibt. Im Angesicht von Kontrollverlust – im Alltag fast unvermeidbar – erleben sie enormen Stress.

Meine Coaching-Arbeit beruht auf der Überzeugung, dass jedes noch so merkwürdige oder mühsame Muster für dein Nervensystem Sinn ergibt. Trotzdem kommen wir oft an einen Punkt, an dem wir spüren: So kann es nicht weitergehen.

Um Muster zu verändern, nutzen wir die sogenannte Neuroplastizität: die Fähigkeit unseres Nervensystems, ein Leben lang neue Verbindungen anzulegen.

Die Autobahn-Metapher: warum dein Nervensystem bekannte Wege bevorzugt

Stell dir vor, du fährst mit dem Auto seit Jahren die immer gleiche Strecke nach Hause. Bis du irgendwann merkst: «Eigentlich gefällt mir diese Route gar nicht mehr.» Weil du aber weisst, dass sie funktioniert, sicher ist und du schnell ankommst, wählst du sie trotzdem – aus Gewohnheit.

Genauso arbeitet dein autonomes Nervensystem: Es wählt immer zuerst das, was bekannt oder gewohnt ist.

Beschliesst du, eine neue Route auszuprobieren, verschwindet die alte nicht. Aber jedes Mal, wenn du die neue Ausfahrt nimmst, wird sie ein wenig vertrauter. Genau darauf beruht die Methode «Stoppen, Spüren, Abbiegen». Alle meine Coachees trainieren diesen Ablauf über 8 bis 12 Sitzungen, um ihn danach eigenständig im Alltag zu nutzen.

Wie neue neuronale Verbindungen entstehen

Sowohl unser Gehirn als auch unser autonomes Nervensystem können lebenslang neue neuronale Verbindungen anlegen. Diese Fähigkeit heisst Neuroplastizität. Im Neurogespür-Coaching arbeiten wir ein bisschen wie in einem Fitness-Studio: Statt Muskeln trainieren wir neue Reaktions- und Verhaltensmuster. Und wie im Gym braucht es viele Wiederholungen, um neue Muster wachsen zu lassen.

Schritt 1: Stoppen – automatische Stressreaktionen bemerken

Der erste Schritt ist ein imaginäres Stoppen. Um autonome Muster zu verändern, müssen wir sie überhaupt einmal bemerken. Indem wir innerlich «Stopp» sagen, setzen wir einen Zwischenraum zwischen einen Reiz und die bisher automatische Reaktion.

Schritt 2: Spüren – die Sprache des Nervensystems verstehen

Die meisten ungewollten Reaktionsmuster passieren nicht, wenn wir entspannt sind, sondern als Teil einer Stressreaktion. Je früher wir spüren können, dass uns etwas stresst, überfordert oder bedrohlich anfühlt, desto früher können wir anders reagieren.

Stressreaktionen machen es schwierig, einen klaren Kopf zu behalten. Überwältigende Gefühle können dafür sorgen, dass wir keinen Zugriff mehr auf den Bereich im Gehirn haben, der uns weitsichtige Entscheidungen erlaubt: «blind vor Wut», «gelähmt vor Angst», «rasend vor Zorn».

Statt den kreisenden Gedanken das Feld zu überlassen, konzentrieren wir uns auf körperliche Sensationen:

  • Spüren wir ein Kribbeln im Körper?
  • Spüren wir eine Anspannung im Nacken?
  • Zieht sich der Magen zusammen?

Diese Art des In-sich-Hineinhörens trainiert deine Interozeption – eine Fähigkeit, die eng mit den Netzwerken des Nervensystems verbunden ist, die an Selbstwahrnehmung, Regulation und dem Erleben von Sicherheit beteiligt sind. Allein das Spüren kann bereits regulierend wirken.

Diese Art des körperlichen Wahrnehmens lässt sich üben – kleine Wahrnehmungsmomente über den Tag verteilt trainieren dein Nervensystem darin, feinere Signale zuzulassen.

Schritt 3: Abbiegen – neue Erfahrungen statt alter Muster

Der dritte Schritt ist das Abbiegen. Wir sagen uns: Ok, bisher habe ich so reagiert – nun möchte ich etwas anderes tun. Das Nervensystem zu regulieren bedeutet nicht, Stress, Überforderung und unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Es bedeutet, deine innere Security dabei zu unterstützen zu verstehen: «Alles ok hier.»

Ein Beispiel aus dem Alltag

Wir sind spät dran. Wir spüren, dass wir gestresst sind, weil wir nicht alles geschafft haben. Normalerweise würden wir einfach schneller gehen und versuchen, noch ein oder zwei To-dos zu erledigen. Wir fühlen uns dem Stress ausgeliefert und haben das Gefühl, es wird nie besser.

In dieser Situation können wir:

  1. Stoppen und bemerken: «Ich bin wieder total gestresst.»
  2. Spüren, wie sich der Magen zusammenzieht und die Hand zittert.
  3. Abbiegen: durchatmen, einen Zug später nehmen, ganz langsam zum Bahnhof gehen.

Während wir das tun, entspannt sich unser System. Wir fühlen uns plötzlich weniger gestresst. Weil der Teil des Gehirns wieder online geht, der uns beim Planen hilft, kommt uns eine Idee, wie sich ein paar To-dos schneller erledigen lassen. Statt Ohnmacht entsteht Handlungsfähigkeit.

Wie «Stoppen, Spüren, Abbiegen» langfristig wirkt

In der Nervensystem-Arbeit geht es oft darum, aus gefühlter Ohnmacht, Überforderung oder dem Erleben, dem Stress ausgeliefert zu sein, herauszukommen. Mit «Stoppen, Spüren, Abbiegen» bauen wir Schritt für Schritt eine Ressource auf, die in jeder Situation nutzbar ist.

Es geht nicht darum, die Situation, die Reaktion oder das Gefühl zu ändern, sondern einen neuen, alternativen Umgang zu finden – und wieder die Führung des eigenen Lebens zu übernehmen. Am Ende ermöglicht dieser Ablauf, bessere Entscheidungen zu treffen, klarer zu priorisieren und weniger Muster zu wiederholen, die sich als störend oder schädlich erwiesen haben.

Fazit: Neue Wege entstehen durch Wiederholung

«Stoppen, Spüren, Abbiegen» ist keine Technik, die ein Problem sofort verschwinden lässt. Es ist ein Trainingsweg, der deinem Nervensystem Schritt für Schritt zeigt, dass es mehr als nur eine Reaktion auf Stress, Unsicherheit und Überforderung gibt.

Je häufiger wir neue Erfahrungen machen, desto vertrauter werden sie. Und je vertrauter sie werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir im entscheidenden Moment nicht mehr automatisch reagieren, sondern bewusst wählen können.

Gisèle Ladner, Nervensystem-Coach in St. Gallen

Gisèle Ladner

Nervensystem-Coach

Nächster Schritt

Möchtest du mehr erfahren?

Schreib mir deine Frage oder buche ein Vorgespräch. Dann schauen wir gemeinsam, ob wir mit Nervensystem-Coaching auf Zoom, in St.Gallen oder Zürich an deinem Thema arbeiten.

FAQ – häufig gestellte Fragen

+Was bedeutet «Stoppen, Spüren, Abbiegen»?
Ein dreistufiger Coaching-Ansatz, mit dem wir automatische Stressreaktionen und Verhaltensmuster bewusster wahrnehmen und langfristig verändern. Wir lernen, innezuhalten, Körpersignale wahrzunehmen und neue Handlungsmöglichkeiten zu erproben.
+Kann man Reaktions- und Verhaltensmuster wirklich verändern?
Ja. Gehirn und Nervensystem bleiben lebenslang lernfähig – das nennt man Neuroplastizität. Durch neue Erfahrungen und Wiederholungen entstehen neue neuronale Verbindungen, wodurch sich Muster mit der Zeit verändern.
+Was ist der Unterschied zwischen Verstehen und Veränderung?
Viele Menschen verstehen bereits sehr gut, warum sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Veränderung entsteht aber selten allein durch Einsicht. Damit neue Muster entstehen können, braucht das Nervensystem neue Erfahrungen von Sicherheit, Handlungsspielraum und Selbstwirksamkeit.
+Wie lange dauert es, ein Muster zu verändern?
Im Coaching arbeiten wir meist über 8 bis 12 Sitzungen, damit der Ablauf sicher sitzt und du ihn eigenständig im Alltag nutzen kannst. Nachhaltige Veränderung entsteht danach über wiederholte neue Erfahrungen im Alltag.
+Ist «Stoppen, Spüren, Abbiegen» eine Therapie?
Nein. Es ist ein Coaching-Ansatz, informiert durch die Polyvagal-Theorie und aktuelle Stressforschung. Diese Modelle sind Landkarten, keine medizinischen Diagnosen – sie helfen, die Sprache des Nervensystems besser zu verstehen.

In meiner Arbeit nutze ich Konzepte aus der Polyvagal-Theorie und der Stressforschung. Diese Modelle helfen, die Sprache deines Nervensystems besser zu verstehen und einzuordnen – wissenschaftlich diskutiert, in der Coaching-Praxis wertvoll.