Die Polyvagal-Theorie in a Nutshell
Neurogespür

Die Polyvagal-Theorie ist eine neue Sicht auf unsere Reaktionsmuster und unser Verhalten. Sie ist sehr umfangreich, deshalb erkläre ich dir hier so kurz und klar wie möglich die wichtigsten Eckpfeiler und was das mit deinem Alltag zu tun hat.
Die Polyvagal-Theorie in einem Satz
Die Polyvagal-Theorie von Dr. Stephen Porges unterteilt das autonome Nervensystem in drei Teile und ordnet diesen Teilen komplexe autonome Reaktionsmuster zu, die beeinflussen, wie wir uns verhalten und fühlen. Drei Grundprinzipien machen die Theorie aus: Hierarchie, Neurozeption und Co-Regulation.
In meiner Arbeit als Nervensystem-Coach in St.Gallen, Zürich und online ist die Polyvagal-Theorie eine der wichtigsten Grundlagen. Sie erklärt, warum wir in bestimmten Situationen reagieren, wie wir reagieren, und zwar lange bevor wir bewusst darüber nachdenken können.
Und jetzt ausführlich
In der Schule haben wir gelernt, dass Sympathikus und Parasympathikus als Gegenspieler für Anspannung und Entspannung sorgen. In der Polyvagal-Theorie spielt der längste Nerv des Parasympathikus eine zentrale Rolle: der Vagusnerv.
Der Vagusnerv hat zwei Äste: den hinteren dorsal-vagalen Ast und den vorderen ventral-vagalen Ast. Wir sprechen in der Polyvagal-Theorie also vom ventral-vagalen Ast, dem Sympathikus und dem dorsal-vagalen Ast. Dabei spielt die Reihenfolge, die Hierarchie, eine wichtige Rolle.
Die Hierarchie der drei Zustände
Wir gehen davon aus, dass Menschen im Laufe der Evolution gelernt haben, Herausforderungen zuerst gemeinsam zu lösen. Dafür nutzen wir den ventral-vagalen Ast. Gelingt das nicht oder wird die Bedrohung grösser, übernimmt der Sympathikus und mobilisiert uns, damit wir handeln können, Kampf oder Flucht. Gelingt es uns nicht, die als Bedrohung empfundene Situation zu lösen, übernimmt als letzte Massnahme der dorsal-vagale Ast. Dieser löst den Totstell-Reflex aus, auch Shutdown genannt.
- Ventral-sicher-verbunden: Wir sind offen, fühlen uns verbunden und sicher, auch wenn es schwierig wird. Wir können um Hilfe bitten und fühlen uns zugehörig.
- Sympathisch-mobilisiert: Wir sind angespannt, wachsam, misstrauisch. Wir sehen eher Probleme als Lösungen und fühlen uns unter Druck oder angegriffen.
- Dorsal-immobilisiert: Wir fühlen uns allein, verzweifelt, wie abgeschnitten von anderen Menschen, ohnmächtig und hilflos.
Story follows State
Kampf-Flucht- und Totstell-Reflex sind reflexartige Reaktionen, die ohne unser Bewusstsein ablaufen. Bewusst werden sie uns erst, wenn wir spüren, dass sich in uns etwas verändert hat. Die Polyvagal-Theorie erklärt, dass uns autonome Zustände bewusst werden, weil sich unsere Gefühle verändert haben und unsere Gedanken plötzlich anders sind. Das gilt für viele Reaktionsmuster, die wir sonst nur schwer erklären könnten.
Die Neurozeption
Unser autonomes Nervensystem verarbeitet zusammen mit relevanten Hirnarealen konstant Reize aus der Umwelt, von anderen Menschen und aus unserem Körperinneren. Diese Reize werden als Signale für Sicherheit («Cues of Safety») oder Signale für Gefahr («Cues of Danger») eingeordnet.
Empfängt unser autonomes Nervensystem mehr Gefahrensignale als Sicherheitssignale, entsteht eine neurozeptive Wahrnehmung von Bedrohung, und es wird reflexartig eine Reaktion ausgelöst. Bewusst wird uns das erst, wenn wir uns plötzlich unsicher, angespannt, nervös, unter Druck, gestresst, hilflos oder überfordert fühlen.
Co-Regulation
Ist eine Person in unserem Umfeld unsicher, gestresst oder nervös, reagieren wir unbewusst sofort darauf. Wir können ihrem Zustand folgen und selbst mobilisiert werden. Wir können aber auch, wenn unser ventral-vagaler Vagusnerv-Anteil aktiv und verankert ist, dieser Person unbewusst Sicherheit vermitteln.
Als Säuglinge haben wir noch keine Fähigkeit zur Selbstregulation. Wir erfahren zum Beispiel Hunger, und dieses unangenehme Gefühl verschwindet, wenn wir hochgenommen, gehalten und gefüttert werden. Wir lernen: Wenn eine andere Person kommt, verschwindet das unangenehme Gefühl. Erst später entwickeln wir die Fähigkeit, uns selbst zu regulieren. Trotzdem bleibt Co-Regulation im sicheren Kontakt mit anderen Menschen für uns als soziale Wesen sehr wichtig.
Und was hat das mit mir zu tun?
Es hat viel mit unseren bisherigen Lebenserfahrungen zu tun, welche Reize unsere Neurozeption als sicher oder gefährlich interpretiert. Wenn wir besser verstehen, warum wir auf bestimmte Menschen, Situationen oder Gefühle mit Erregung oder Lähmung reagieren, fühlen wir uns diesen Reaktionen weniger ausgeliefert.
Ausserdem können wir aktiv unsere Fähigkeit zur Selbstregulation trainieren. Das stärkt unsere Resilienz, macht uns gelassener und gibt uns das Gefühl zurück, unser Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Die Polyvagal-Theorie gibt uns ein neurowissenschaftliches Verständnis für Ängste, Blockaden, Stress, Prokrastination, Konflikte, Beziehungsdynamiken und hartnäckige Reaktionsmuster.
In meinem traumainformierten Nervensystem-Coaching in St.Gallen, Zürich oder online nutze ich die Polyvagal-Theorie als Landkarte, damit du deine eigenen Muster einordnen und Schritt für Schritt verändern kannst.
Fazit
Die Polyvagal-Theorie zeigt: Unser Verhalten ist selten Zufall oder Charakterschwäche. Es folgt einer klaren, biologischen Logik von Sicherheit und Schutz. Wer diese Logik versteht, kann seine Reaktionen einordnen, statt sich dafür zu verurteilen, und gezielt daran arbeiten, häufiger im sicheren, verbundenen Zustand zu sein.

Gisèle Ladner
Nervensystem-Coach
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