Ego ist ein Ausdruck davon, dass wir unsicher sind

Neurogespür

5 minVon Gisèle Ladner
Ego ist ein Ausdruck davon, dass wir unsicher sind

Sind wir alle nur noch egoistisch? Müssten wir alle einen «Ego Death» sterben und unser Ego droppen? Das, was in vielen Konzepten als Ego verstanden wird, ist in einer nervensystem-informierten Arbeit vor allem eines: Ausdruck davon, dass unser autonomes Nervensystem sich nicht sicher fühlt.

Ego heisst «Ich fühle mich nicht sicher»

Ego. Ein grosses, oft negativ verstandenes Wort. Häufig wird es als etwas Konstruiertes gedacht, eine Ansicht von sich selbst inklusive Überzeugungen, Glaubenssätzen und wunden Punkten, an denen wir gekränkt werden können.

Im Grunde genommen bedeutet Ego nicht mehr als «Ich». Aus polyvagal-informierter Perspektive dürfen wir das Ego als Ausdruck einer Schutzmassnahme unseres autonomen Nervensystems verstehen. Ist unser Ego bedroht, erheben wir uns über andere, fühlen uns ungerecht behandelt, zeigen mit dem Finger auf andere, wollen Verantwortung abgeben, greifen blind an, schauen nur, wo wir selbst bleiben, verurteilen andere oder wollen unbedingt gesehen werden.

Wann Ego aktiv wird

Ego, also unser Ich, wird dann aktiv, wenn unser autonomes Nervensystem sich unbewusst bedroht fühlt: wenn wir uns zurückgewiesen und an eine alte Verletzung erinnert fühlen, wenn unsere Zugehörigkeit gefährdet ist und wir darum kämpfen, wenn wir aufgrund alter Erfahrungen Angst davor haben, einen Fehler zu machen oder falsch zu sein.

Ego tritt vor allem dann in Erscheinung, wenn wir ein Selbstbild aufrechterhalten müssen, weil dessen Zerfall unerträglich wäre, weil wir unsere Zugehörigkeit, Bindung und unser Selbstbild unbedingt schützen müssen. Die Bedrohung des «Ich» ist für ein Nervensystem, das sich konstant um unser Überleben kümmert, eine echte Bedrohung.

Bedrohung führt zu Egoismus

Wir lernen im Laufe unserer kindlichen und jugendlichen Entwicklung, wer wir sein müssen, um Zugehörigkeit zu erfahren. Wir machen Erfahrungen damit, wann wir ausgestossen werden und welche Rollen wir erfüllen sollen. Aus diesen gelebten Erfahrungen bildet sich die Person, von der wir bewusst glauben, dass wir sie sind, inklusive Ego, das versucht, unsere Rolle, unsere Zugehörigkeit, unser Selbstbild zu schützen. Mehr zu solchen erlernten Reaktionsmustern liest du im Artikel zu Reaktionsmustern als Schutzmassnahmen.

Spürt unser autonomes Nervensystem eine unbewusste Bedrohung, reagiert es mit einer Schutzreaktion: Das Ich muss mit aller Kraft verteidigt werden. Wir werden mobilisiert oder gelähmt. In diesem dysregulierten Zustand sind wir egoistisch, denn es geht im Grunde nur noch um unser Überleben und unsere Zugehörigkeit. Für Empathie ist da kaum Platz. Stattdessen fühlen wir uns bedroht, ausgeschlossen, misstrauisch, getrieben und auf uns selbst bezogen.

Reguliert leben wir unser höheres Selbst

In einem regulierten, ventral-vagalen Zustand sind wir offen für soziale Bindung. Wir haben echtes Mitgefühl und sehen Chancen statt Gefahren. Wir sind uns unserer selbst bewusst und im Reinen mit uns. Wir fühlen uns in unserer Haut und unserer Zugehörigkeit sicher und können reflektieren. In gewissen Konzepten würde man vom höheren, authentischen, wahren Selbst sprechen, denn in diesem Zustand sind wir nicht davon gesteuert, was unser Nervensystem glaubt, tun zu müssen, um sicher zu sein.

Was uns hilft, öfter in diesem Zustand anzukommen, ist unter anderem gezielte Regulationsarbeit. Mehr dazu im Artikel Chronischen Stress im Nervensystem erkennen und beruhigen.

Ego braucht mehr Mitgefühl vom höheren Selbst

Ich bin davon überzeugt, dass Ego mehr Mitgefühl verdient. Ja, auch Egoismus. Denn er ist Ausdruck einer tiefen Verunsicherung. Ist es einfach, dafür Mitgefühl oder sogar Wohlwollen zu empfinden? Definitiv nicht. Ego ist gefährlich, Ego kann Beziehungen zerstören, Ego grenzt andere aus, Ego beisst zu, wenn es sich bedroht fühlt. Aber wenn wir mit dem Finger darauf zeigen, wird es meist nur noch bissiger.

  • Welche Dinge flüstert dir dein Ego zu, wenn du dich bedroht fühlst?
  • Welche alten Erinnerungen und Überzeugungen hält es aufrecht, um dich zu schützen?
  • Welche Dinge lässt es dich tun, obwohl du sie eigentlich gar nicht magst?
  • Wo fühlt sich dein Ego bestätigt und gelobt, wo handelst du aus echtem Mitgefühl?

Fazit

Ego ist selten das grosse Feindbild, als das es oft dargestellt wird. Es ist meist die Stimme eines Nervensystems, das sich um Zugehörigkeit, Sicherheit und Selbstbild sorgt. Wer versteht, wann und warum das eigene Ego aktiv wird, kann ihm mit mehr Mitgefühl begegnen, sich selbst und anderen gegenüber. Nervensystem-Coaching in St.Gallen, Zürich oder online unterstützt genau dabei: die eigenen Schutzreaktionen zu erkennen und Schritt für Schritt öfter aus dem regulierten, verbundenen Selbst heraus zu handeln.

Gisèle Ladner, Nervensystem-Coach in St. Gallen

Gisèle Ladner

Nervensystem-Coach

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FAQ – häufig gestellte Fragen

+Was bedeutet Ego in einer nervensystem-informierten Perspektive?
Ego wird hier nicht als moralischer Makel verstanden, sondern als Ausdruck einer Schutzreaktion des autonomen Nervensystems, meist dann aktiv, wenn Zugehörigkeit, Selbstbild oder Sicherheit bedroht scheinen.
+Warum reagieren Menschen egoistisch, wenn sie sich bedroht fühlen?
In einem dysregulierten Zustand geht es dem Nervensystem primär ums Überleben und um Zugehörigkeit. Für Empathie und Weitblick bleibt dann kaum Kapazität, das Verhalten wirkt dadurch egozentrisch.
+Was ist das «höhere Selbst» in diesem Zusammenhang?
Damit ist ein regulierter, ventral-vagaler Zustand gemeint, in dem wir uns sicher, verbunden und reflektiert fühlen. Aus diesem Zustand heraus handeln wir meist mitfühlender und authentischer.
+Kann man lernen, weniger «egoistisch» zu reagieren?
Ja, indem man die eigenen Trigger und Schutzmuster kennenlernt und das Nervensystem Schritt für Schritt reguliert. Das braucht Übung, Geduld und oft Unterstützung, keinen reinen Willensakt.
+Ist es hilfreich, das eigene Ego zu bekämpfen?
Eher nicht. Wer das Ego bekämpft, verstärkt oft die zugrunde liegende Bedrohung. Mitgefühl und Verständnis für die Schutzfunktion wirken meist nachhaltiger als Ablehnung.
+Ersetzt diese Perspektive psychologische oder therapeutische Arbeit?
Nein. Nervensystem-Coaching bietet einen ergänzenden, körperorientierten Blickwinkel auf Verhalten und Selbstbild, ersetzt aber keine Psychotherapie und stellt keine Diagnosen.