Squishy im Büro: Habt ihr in eurer Firma schon einen Spieltisch?
Neurogespür

Dein Kalender ist voll, das nächste Meeting startet in drei Minuten und dein Körper steht schon wieder unter Strom. Was, wenn dir ein kleiner Silikon-Dumpling in der Hosentasche gerade mehr hilft als der nächste Kaffee?
Der Dumpling-Squishy-Hype: was gerade passiert
Kurz gesagt: Ein Squishy ist ein weiches, langsam zurückfederndes Knautsch-Spielzeug. Der Dumpling Squishy ist die Variante in Form einer gedämpften Teigtasche, oft mit Gesicht und verpackt in einem Mini-Bambuskörbchen.
Vielleicht hast du ihn schon auf TikTok gesehen oder auf dem Pult deiner Teenager-Tochter. Der Mystery Squishy Dumpling des US-Herstellers RMS USA hat laut dem Branchenmagazin The Toy Book schon in seiner ersten Phase über 500 Millionen TikTok-Aufrufe gesammelt. Läden melden, dass Nachschub innert kürzester Zeit ausverkauft ist.
Die Grosshandelsplattform Faire nennt Squishys den grössten Wachstumstreiber im unabhängigen Detailhandel in diesem Jahr. Die Suchanfragen sollen sogar jene nach Labubu überholt haben. Und an der Syracuse University in den USA horten Studierende ganze Squishy-Sammlungen in allen Formen und Grössen, wie die Studentenzeitung The Daily Orange berichtet.
Man kann das als Kinderkram abtun. Ich sehe darin etwas anderes: Eine ganze Generation hat intuitiv ein Werkzeug gefunden, nach dem ihr Nervensystem verlangt. Die spannende Frage ist, ob wir dieses Werkzeug auch im Büro zulassen. Oder ob es dort weiterhin heimlich unter dem Sitzungstisch geknautscht wird.
Was ein Squishy mit deinem Nervensystem macht
Dein autonomes Nervensystem prüft rund um die Uhr, ob du sicher bist. Das passiert unbewusst, lange bevor dein Verstand mitredet. Unter Druck schaltet es auf Mobilisierung: Der Puls steigt, der Blick wird eng, die Gedanken rasen.
Genau in diesem Zustand verlierst du oft den Kontakt zum eigenen Körper. Du funktionierst, aber du spürst dich nicht mehr. Ein Squishy setzt hier an, ganz ohne Worte.
- Druck und Textur: Das Drücken gibt deinen Händen und Muskeln einen klaren, kräftigen Reiz. Die weiche Oberfläche fühlt sich gleichzeitig angenehm an. Diese Kombination lenkt die Aufmerksamkeit vom Kopf in den Körper.
- Langsamer Rhythmus: Ein Slow-Rise-Squishy federt nur langsam zurück. Drücken, loslassen, zuschauen. Dieser Rhythmus lädt fast automatisch zu einem längeren Ausatmen ein, und das lange Ausatmen ist einer der direktesten Wege, dein Nervensystem zu beruhigen.
- Spiel als Sicherheitssignal: In der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges gilt Spiel als besondere Mischung: etwas Aktivierung, eingebettet in Sicherheit. Die Theorie wird in der Forschung teils kritisch diskutiert, für die Praxis ist der Gedanke trotzdem wertvoll. Wer schmunzeln kann, ist nicht mehr im vollen Alarmmodus.
Squishy und Stress: was die Forschung ehrlich sagt
Die gute Nachricht zuerst: Mehrere Studien zeigen, dass Drücken und Kneten Angst und Anspannung messbar senken können. Die ehrliche Nachricht: Das Squishy allein ist kein Zaubermittel.
Was dafür spricht
- Drücken: In einer französischen Studie (Blanc et al., 2024) reichten 20 Sekunden wiederholtes Drücken eines vibrierenden Stressballs, um Angst und körperliche Erregung zu senken. Gemessen wurde die Erregung über die Hautleitfähigkeit, also direkt am Körper.
- Kneten: In einem Experiment mit 48 Studierenden sank die Angst nach einer gezielten Stressinduktion deutlich stärker, wenn sie 15 Minuten lang Ton kneteten, als in der Vergleichsgruppe mit einem Zauberwürfel (Modern Psychological Studies, 2010). Auch bei 49 Patient:innen einer psychiatrischen Klinik nahm die Angst nach dem Arbeiten mit Ton deutlich ab (Kimport & Hartzell, 2015, ohne Kontrollgruppe).
- In belastenden Situationen: Bei Dialyse-Patient:innen, die vor und während der Behandlung je 15 Minuten einen Stressball drückten, sank die Angst deutlich, mit sehr grossem Effekt (Şahin et al., 2025). Auch Frauen, die während eines Kaiserschnitts einen Stressball drückten, waren danach weniger ängstlich.
- Handlungsfähig unter Druck: Forschende der TU München um Jürgen Beckmann zeigten in mehreren Sportarten: Rechtshänder:innen, die 10 bis 15 Sekunden einen Ball mit der linken Hand drücken, versagen seltener unter Druck. Der Effekt ist bisher vor allem für gut eingeübte Bewegungsabläufe belegt.
Was dagegen spricht
- Bei Hautkrebs-Operationen brachte ein Stressball in einer Studie mit 135 Patient:innen keine zusätzliche Angstreduktion (JAMA Dermatology, 2018). Die Forschenden vermuten, dass Menschen mehr profitieren, wenn sie ihre Methode selbst wählen dürfen.
- Auch bei 70 Frauen während einer Gebärmutter-Biopsie zeigte der Stressball keinen messbaren Effekt auf Angst oder Schmerz.
- Bei Erwachsenen mit ADHS veränderte ein Fidget-Ball die Herzratenvariabilität unter Stress nicht. Er schien sogar natürliche Selbstberuhigungsbewegungen zu verdrängen.
Mein Fazit: Ein Squishy wirkt dann, wenn es zu deinem Werkzeug wird. Selbst gewählt, geübt und mit Aufmerksamkeit eingesetzt. Wer es einfach in die Hand gedrückt bekommt, knautscht oft nur nebenbei. Wer weiss, wofür er es nutzt, verändert etwas.
Squishys in meiner Coaching-Praxis: beim Arzt, im Büro, im Alltag
Seit zwei Jahren arbeite ich mit meinen Coaching-Klient:innen mit Squishys. Was als kleines Experiment begann, ist heute eines meiner liebsten Regulationstools. Ich nenne es schlicht: Knautschen.
- Beim Arzt: Einige Klient:innen haben grossen Respekt vor Arztterminen. Sie nehmen ihr Squishy mit ins Wartezimmer und halten es in der Jackentasche. Statt in Katastrophengedanken zu versinken, haben sie etwas in der Hand, das sie im Moment hält.
- Im Büro: Vor der Präsentation, während eines zähen Meetings, nach einer harten Mail. Ein paar Mal drücken unter dem Tisch, langsam loslassen, ausatmen. Niemand merkt es, aber der Körper bekommt eine Pause.
- Sich selbst wieder spüren: Gerade Menschen, die lange im Funktionsmodus waren, fühlen sich manchmal wie taub. Das Squishy gibt einen klaren Reiz, der zurück in den Körper führt. Oft ist das der erste Moment am Tag, in dem jemand die eigenen Hände wirklich wahrnimmt.
- Mini-Pause im Stress: Dreissig Sekunden Knautschen sind kein Wellness-Wochenende. Aber sie unterbrechen die Stressspirale, und genau dort beginnt Veränderung. Wie diese Spirale entsteht, beschreibe ich im Artikel zu Schutzreaktionen des Nervensystems.
Spieltisch im Büro: warum HR den Trend ernst nehmen sollte
Stress im Job ist in der Schweiz kein Randthema. Laut Bundesamt für Statistik stieg der Anteil Erwerbstätiger, die sich bei der Arbeit gestresst fühlen, zwischen 2012 und 2022 von 18 auf 23 Prozent. Mehr als die Hälfte davon fühlt sich zusätzlich emotional erschöpft.
Der Job-Stress-Index 2022 von Gesundheitsförderung Schweiz zeigt ein ähnliches Bild: Erstmals fühlten sich über 30 Prozent der Erwerbstätigen emotional erschöpft. Die Produktivitätsverluste durch arbeitsbedingten Stress beziffert die Stiftung auf rund 6,5 Milliarden Franken pro Jahr.
Natürlich löst ein Korb voller Dumplings dieses Problem nicht. Aber er kann etwas, das viele teure Massnahmen nicht schaffen: Er macht Regulation sichtbar, normal und ein bisschen lustig.
Warum ein Spieltisch sinnvoll sein kann
- Niederschwellig: Ein Squishy kostet wenige Franken und braucht keine Schulung, um ausprobiert zu werden.
- Entstigmatisierend: Wer sich ein Squishy nimmt, muss niemandem erklären, dass es gerade nicht rund läuft.
- Inklusiv: Gerade neurodivergente Mitarbeitende profitieren oft von Dingen, die die Hände beschäftigen.
- Gesprächsöffner: Ein Dumpling mit Gesicht auf dem Sitzungstisch bricht das Eis schneller als jede Moderationstechnik. Ausserdem ist er das einzige Catering, das nach dem Meeting noch genauso aussieht wie vorher.
So setzt ihr es klug um
- Persönliche Squishys statt einer geteilten Schale. Das ist hygienischer und fördert die eigene Wahl.
- Verschiedene Texturen anbieten: fest, weich, slow-rise, mit Noppen.
- Kommunizieren, wozu es da ist. Ein kleines Schild mit «Knautschen erlaubt, auch im Meeting» wirkt Wunder.
- Führungskräfte machen es vor. Wenn die Führungsperson knautscht, trauen sich alle.
- Den Spieltisch als Einstieg sehen, nicht als Ersatz für strukturelle Massnahmen bei Arbeitslast und Ressourcen.
Die Knautsch-Pause: so nutzt du dein Squishy richtig
Damit das Squishy mehr ist als ein Deko-Dumpling, hilft eine einfache Struktur. Sie folgt meiner Methode Stoppen, Spüren, Abbiegen und dauert 30 bis 60 Sekunden.
- Stoppen: Nimm das Squishy in die Hand. Lass den Kiefer locker und die Schultern sinken.
- Spüren: Drücke beim Ausatmen langsam zu. Lass beim Einatmen los und schau zu, wie es zurückfedert. Frag dich: Was spüre ich in der Hand, im Bauch, im Gesicht?
- Abbiegen: Entscheide bewusst den nächsten Schritt. Eine Mail später beantworten, einen Satz anders sagen, ein Glas Wasser holen.
Wiederhole das ein paar Mal am Tag, nicht erst, wenn du schon am Limit bist. Je öfter du übst, desto schneller findet dein Nervensystem den Weg zurück in die Ruhe.
Mit Gisèle Ladner Stress im Team und im Alltag regulieren
Ich bin Gisèle Ladner. Als polyvagal-informiert zertifizierte Nervensystem-Coach begleite ich Privatpersonen, Teams und Führungskräfte dabei, Stressreaktionen, Blockaden und Überforderung besser zu verstehen und nachhaltige Veränderungen im Alltag umzusetzen. Meine Arbeit verbindet Nervensystem-Wissen, die Arbeit mit inneren Anteilen und somatische Körperarbeit mit meiner Erfahrung als CEO, Projektleiterin und Unternehmerin.
So kann ich dir und deinem Team helfen:
- Firmenworkshop «Handlungsfähig bleiben unter Druck»: Ein halbtägiger Workshop vor Ort für Teams von 5 bis 25 Personen. Standard für CHF 2500 oder Premium mit Follow-up-Coaching für CHF 5000.
- Knautschen als Regulationstool: Ich zeige deinem Team, wie Squishys gezielt und wirksam eingesetzt werden, statt nur dekorativ auf dem Pult zu liegen.
- Einzelcoaching: Polyvagal-informiertes 1:1 Coaching für Menschen, die im Funktionsmodus feststecken. Online oder in St. Gallen und Zürich.
- Für Fachpersonen: Knautschen als Methode für medizinische, therapeutische oder soziale Kontexte, zum Beispiel bei Angst vor Behandlungen.
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Literatur & Quellen
- Blanc, C. et al. (2024). Haptic coordination: Squeezing a vibrating stress ball decreases anxiety and arousal. Human Movement Science, 96. HAL
- Modern Psychological Studies (2010). Effect of working with clay on reducing anxiety. Vol. 16, Nr. 1. UTC Scholar
- Kimport, E. & Hartzell, E. (2015). Clay and Anxiety Reduction. Art Therapy, 32(4).
- Şahin, S. et al. (2025). The Effects of Stress Ball Use on Comfort and Anxiety Levels in Hemodialysis Patients. Mediterranean Nursing and Midwifery.
- The effect of stress ball use during caesarean delivery on maternal anxiety. Prospektive randomisierte Studie.
- TU München (2022). Eine Technik gegen Versagen unter Druck. TUM
- JAMA Dermatology (2018). Stress ball or hand-holding during skin cancer surgery: randomized clinical trial. JAMA Network
- African Journal of Reproductive Health. The effect of stress ball on anxiety and pain levels during endometrial biopsy.
- Bundesamt für Statistik (2024). Immer mehr Menschen sind bei der Arbeit gestresst. BFS
- Gesundheitsförderung Schweiz (2022). Faktenblatt 72: Job-Stress-Index 2022. Gesundheitsförderung Schweiz
- Global Toy News / Business Wire (2026). RMS USA's Mystery Dumpling continues its sell-out streak. Business Wire
- Gifts & Decorative Accessories (2026). Faire report: squishy toy trend in independent retail. Gifts & Decorative Accessories
- The Daily Orange (2026). Why SU students hoard squishy collections of all shapes and sizes.

Gisèle Ladner
Nervensystem-Coach
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Häufige Fragen
+Helfen Squishys wirklich gegen Stress?
+Was ist ein Dumpling Squishy?
+Was ist der Mystery Dumpling Squishy und warum ist er so beliebt?
+Was ist der Unterschied zwischen Squishy und Stressball?
+Ist ein Squishy im Büro unprofessionell?
+Welches Squishy eignet sich fürs Büro?
+Kann ein Squishy bei Angst vor dem Arzttermin helfen?
+Ersetzt ein Spieltisch das betriebliche Gesundheitsmanagement?
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