Regelmässig fahren statt ständig Gas geben oder bremsen

Neurogespür

6 minVon Gisèle Ladner
Regelmässig fahren statt ständig Gas geben oder bremsen

Kennst du das ständige Pendeln zwischen Vollgas und Vollbremse? Viele Menschen leben nicht in einem gesunden Rhythmus, sondern hetzen bis zur Erschöpfung und brechen dann zusammen. Dein Nervensystem ist eigentlich dafür gemacht, regelmässig zu fahren, statt ständig zwischen den Extremen zu pendeln.

Stau oder Flow: Wie wir durchs Leben fahren

Vielleicht erinnerst du dich an die letzte längere Autofahrt, bei der du in einen Stau geraten bist. Ständig bremsen, dann wieder ein Stück Gas geben, nur um gleich wieder abzubremsen. Es braucht enorm viel Konzentration, im richtigen Moment zu reagieren, und gleichzeitig wird von uns erwartet, sofort Gas zu geben, sobald sich eine Lücke ergibt.

Wenn wir dagegen in einen guten Fahr-Flow kommen, bremsen und beschleunigen wir automatisch, ohne gross nachzudenken. Wir legen lange Strecken zurück, während die Zeit fast vorbeizieht. Im übertragenen Sinn sind wir Menschen genau dafür gemacht: einen eigenen Rhythmus zu haben und flexibel zwischen Aktivität und Erholung zu wechseln, statt dem Leben einfach ausgeliefert zu sein.

Hauruck statt Flow: Wenn wir zwischen Extremen pendeln

Viele Menschen fahren aber nicht mehr regelmässig durch ihr Leben. Sie pendeln ruckartig zwischen Spitzen, geben Gas bis der Akku fast leer ist, nur um dann gezwungenermassen auf die Bremse zu steigen oder vom eigenen Körper gebremst zu werden. Dieses Muster passt gut zu einem Zeitgeist, der uns beibringt, Ziele kurzfristig hart durchzuziehen und erst dann Pausen zu machen, wenn die Arbeit erledigt ist.

Ich habe selbst jahrelang in diesem Modus gelebt, ohne zu merken, wie viel mehr Energie es kostet, immer wieder an den Rand der eigenen Kräfte zu rasen, nur um sehnlichst auf die nächste Pause zu warten, in der ich völlig entkräftet am Boden lag.

Wie sich unser Nervensystem automatisch anpasst

Unser autonomes Nervensystem sorgt dafür, dass wir uns flexibel anpassen können, ohne gross darüber nachzudenken. Die Vagusbremse kann Energie freisetzen, wenn wir sie brauchen. Erleben wir eine gefühlte Bedrohung, kann der sympathische Teil eine Defensivreaktion auslösen. Erholen und verdauen wir, ist der parasympathische Anteil aktiv. Der dorsale Ast des Vagusnervs übernimmt dagegen, wenn eine Situation so bedrohlich erscheint, dass wir uns unsichtbar machen und «totstellen».

In der Realität passiert dieses Zusammenspiel fliessend zwischen Sicherheit, Kampf-Flucht und Immobilisierung. Wie ich manchmal spasseshalber sage: «Unser autonomes Nervensystem möchte Futter (körperliche Sicherheit) und Liebe (soziale Verbindung) und tut dafür fast alles.»

Das Toleranzfenster: Unter- und Übererregung verstehen

In der Arbeit mit dem Nervensystem sprechen wir oft vom sogenannten Toleranzfenster (Window of Tolerance). Befinden wir uns innerhalb dieses Fensters, passen wir uns Herausforderungen an und bewegen uns in Wellen zwischen Leistung und Erholung. Wir sind in gefühlter Sicherheit verankert und können uns immer wieder zurück in eine Machbarkeit des Lebens regulieren.

Kippen wir aus diesem Fenster, geraten wir entweder in eine sympathisch dominierte Übererregung, in der wir uns verteidigen oder flüchten wollen, oder in eine parasympathisch dominierte Untererregung, in der wir uns hilflos, ohnmächtig und ausgeliefert fühlen.

Resilienz: Das Toleranzfenster erweitern

Unser Toleranzfenster können wir erweitern und trainieren. Man könnte hier auch von Resilienz sprechen: der Fähigkeit, sich an Herausforderungen anzupassen. Hier liegt übrigens auch das grösste Missverständnis bei der Arbeit mit dem Nervensystem: Ziel ist nicht, immer nur reguliert zu sein.

Ziel ist es, Ressourcen, Fähigkeiten und Verständnis zu trainieren, sodass wir uns aus einer neurozeptiv wahrgenommenen Unsicherheit wieder in eine gefühlte Sicherheit regulieren können, obwohl wir Herausforderungen, Verluste und schwierige Situationen erleben. Mehr dazu, wie diese unbewusste Bewertung funktioniert, liest du im Artikel Neurozeption.

Warum unsere Geschichte den Rhythmus prägt

Unsere autonomen Reaktionen sind von unserer Geschichte und von Erlebnissen geprägt, die für uns gefühlt oder real gefährlich waren. Wer als Kind langfristig mit einer impulsiven, unberechenbaren Person im Haushalt gelebt hat, entwickelt womöglich eine Hypervigilanz: das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen und auf der Hut sein zu müssen.

Unser Nervensystem kann auch lernen, eine natürliche Defensivreaktion zu unterdrücken, um in einer lebenswichtigen Bindung zu bleiben. Statt uns zu wehren, werden wir ruhig, entschuldigen uns ständig oder befürchten, alles falsch zu machen (Fawning). Dann reagieren wir auf Herausforderungen schnell überfordert und wie erstarrt. Viele meiner Klient*innen im Nervensystem-Coaching in St.Gallen, Zürich oder online beschreiben genau dieses Gefühl, plötzlich sprachlos zu sein, obwohl sie später tausend richtige Antworten wüssten.

Mehr Balance heisst nicht weniger Leistung

Auch wenn unser Nervensystem mit stark erregenden oder stark hemmenden Reflexen reagiert, können wir über Coaching-Gespräche, eine Anpassung der Lebensführung und somatische Körperarbeit lernen, wieder in eine Balance zu kommen und unser Toleranzfenster zu erweitern.

  • Sowohl Unter- als auch Übererregung fressen extrem viele Ressourcen.
  • In sympathisch dominierter Erregung sind wir verspannter, gereizter und weniger kreativ.
  • Wir denken kurzsichtig statt langfristig und werden auf Dauer weniger leistungsfähig.
  • Balance bedeutet, Energie für lange Strecken einzuteilen, statt immer nur zu sprinten.

Fazit

Regelmässig zu fahren, statt ständig Gas zu geben oder zu bremsen, bedeutet nicht, weniger zu leisten. Es bedeutet, dein Nervensystem so zu trainieren, dass es flexibel zwischen Aktivität und Erholung wechseln kann. Traumainformiertes Nervensystem-Coaching hilft dir dabei, dein eigenes Toleranzfenster zu erkennen und Schritt für Schritt zu erweitern.

Gisèle Ladner, Nervensystem-Coach in St. Gallen

Gisèle Ladner

Nervensystem-Coach

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FAQ – häufig gestellte Fragen

+Was bedeutet das Toleranzfenster genau?
Das Toleranzfenster (Window of Tolerance) beschreibt den Bereich, in dem sich unser Nervensystem flexibel an Herausforderungen anpassen kann, ohne in Über- oder Untererregung zu kippen. Innerhalb dieses Fensters fühlen wir uns handlungsfähig und sicher zugleich.
+Warum pendle ich ständig zwischen Vollgas und Erschöpfung?
Häufig hat das Nervensystem gelernt, nur in Extremen zu reagieren, statt einen flexiblen Rhythmus zu finden. Das kann mit früheren Erfahrungen von Unvorhersehbarkeit oder Druck zusammenhängen und lässt sich mit Nervensystem-Coaching wieder verändern.
+Bedeutet mehr Balance automatisch weniger Leistung?
Nein. Über- und Untererregung kosten langfristig mehr Energie als ein ausgeglichener Rhythmus. Wer sein Toleranzfenster erweitert, kann Energie besser einteilen und bleibt über längere Zeit leistungsfähiger.
+Wie kann ich mein Toleranzfenster erweitern?
Über Coaching-Gespräche, somatische Körperarbeit und eine bewusste Anpassung der Lebensführung lässt sich Resilienz Schritt für Schritt trainieren. Wichtig ist Wiederholung statt einmaliger grosser Veränderung.
+Ist Nervensystem-Coaching auch online möglich?
Ja, Neurogespür bietet Nervensystem-Coaching in St.Gallen, Zürich und online an. Die Arbeit mit Körperwahrnehmung und Regulation funktioniert auch im virtuellen Setting gut.