Natürliche Vagusnerv-Stimulation: finde Freude
Neurogespür

Wir konzentrieren uns im Alltag oft stärker auf das Negative, auch im Coaching-Prozess. Damit Veränderung gelingt, ist es aus Sicht eines körperfokussierten, polyvagal-informierten Nervensystem-Coachings jedoch ebenso wichtig, positive Gefühle wie Freude bewusst zu erleben und den Vagusnerv auf natürliche Weise zu unterstützen.
Zuerst kommt immer das Negative
Der bekannte «Negative Bias» ist evolutionsbiologisch sinnvoll: Im Zweifel ist es sicherer, eine vermeintliche Schlange zu sehen als nur einen Ast. Es ist zutiefst menschlich, sich stärker auf Negatives zu konzentrieren, das ist keine persönliche Schwäche, sondern eine tief verankerte Schutzfunktion des Nervensystems.
Auch im Coaching-Prozess beginnen wir meist mit dem, was belastet: überfordernde Gefühle, anhaltende Konflikte, Dauerstress, Blockaden, Ängste. Das ist natürlich und oft notwendig. Gleichzeitig ist es wertvoll, immer wieder bewusst in angenehme Empfindungen zu wechseln.
Damit ist nicht «positives Denken» gemeint, sondern das Erkennen von Momenten, die körperlich und gedanklich angenehm waren. Diese Momente dienen uns als Anker, wenn wir mit schwierigen Emotionen arbeiten, und unterstützen uns dabei, aus festhängenden Überlebensreflexen des autonomen Nervensystems zurück in einen regulierten Zustand zu finden.
Die bidirektionale Verbindung von Körper und Gehirn
Im körperfokussierten Coaching betrachten wir die bidirektionale Verbindung zwischen Gehirn und Körper: Welche Gefühle lösen welche Gedanken aus, und umgekehrt. Der Vagusnerv spielt dabei eine zentrale Rolle. Er besteht zu rund 80 Prozent aus afferenten, also Körper-zu-Gehirn-Fasern, und nur zu 20 Prozent aus efferenten Fasern, die vom Gehirn zum Körper führen.
Es fliessen also deutlich mehr Informationen vom Körper ins Gehirn als umgekehrt. Der Vagusnerv ist massgeblich daran beteiligt, wie wir auf Situationen reagieren und mit Stress umgehen. Wer mehr über die Grundlagen erfahren möchte, findet diese im Artikel zum Vagusnerv und der Polyvagal-Theorie.
Das bedeutet praktisch: Wir können über angenehme körperliche Sensationen und Übungen, die dem Körper vermitteln, dass alles in Ordnung ist, unsere Gedanken bewusst beeinflussen. Dabei nutzen wir insbesondere die regulierende Wirkung des vorderen, ventralen Vagusnervs, der dafür zuständig ist, dass wir auch in herausfordernden Situationen spüren, dass wir das schaffen können.
Glimmer: kleine Momente der Freude
Die Therapeutin Deb Dana prägte den Begriff «Glimmer», das Gegenstück zu Triggern. Während Trigger Stressreaktionen aktivieren, sind Glimmer kleine, positive Erfahrungen, die dem Nervensystem helfen, in einen Zustand von Ruhe, Sicherheit oder Freude zu gelangen.
- Ein kurzer Blickkontakt mit einem freundlichen Gesicht.
- Warmes Sonnenlicht auf der Haut oder ein tiefer, entspannter Atemzug.
- Ein unerwarteter Lachanfall, auch mitten in einer schwierigen Phase.
- Vertraute Musik, ein Duft oder eine Berührung, die Sicherheit signalisiert.
Glimmer signalisieren dem Nervensystem, dass es sich entspannen kann. Es gibt Hinweise darauf, dass sie einen positiven Einfluss auf die Tätigkeit des Vagusnervs haben und so unsere Gelassenheit natürlich fördern, ganz ohne Geräte oder Biohacking.
Freude und das Nervensystem: plötzlich wird uns warm
Eine aktuelle britische Studie gibt Hinweise darauf, dass das bewusste Erkennen und Erleben von Freude einen grossen Einfluss auf unser Wohlbefinden hat, gerade in Momenten, die herausfordernd sind. Es gibt Momente im Leben, in denen wir eigentlich extrem traurig sind, und plötzlich, mitten in grosser Trauer, überkommt uns ein Lachanfall. Gemeinsam mit den Menschen um uns herum geniessen wir dann diesen kurzen Moment der Wärme und Verbundenheit.
Die Studie beschreibt Freude als ein oft spontanes Erleben, begleitet von intensiven körperlichen Empfindungen wie Wärme oder Leichtigkeit. Sie kann auch parallel zu schwierigen Gefühlen auftreten. Die Teilnehmenden berichteten, dass das bewusste Erkennen solcher Momente ihr Wohlbefinden und ihre Resilienz stärkt.
Aus einer polyvagal-informierten Perspektive macht das viel Sinn: Diese Beschreibung passt zu Zuständen, die mit erhöhter Aktivität des ventralen Vagusnervs in Verbindung gebracht werden. Wir fühlen uns warm, entspannt, verbunden, präsent, und sehen plötzlich Chancen, wo zuvor nur Hindernisse waren.
Wie körperfokussiertes Coaching Freude nutzt
In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, Ziele zu erreichen, Veränderungen umzusetzen oder anders mit belastenden Erlebnissen umgehen zu können. Das bewusste Erkennen und Schaffen von Momenten der Freude ist dabei eine wichtige Praxis, um:
- den Zugriff auf das «Denkhirn» zu verbessern, auch unter starker Emotion oder nach belastenden Erfahrungen
- die Verbindung zwischen Gehirn und Körper zu stärken
- Stress zu regulieren
- mit negativen Emotionen und grossen Herausforderungen umzugehen
- Neugier und Chancen zu eröffnen
- Zustände zu fördern, in denen der Vagusnerv regulierend wirken kann
- Resilienz zu stärken
Im Training deines Neurogespür lernst du, die reflexartigen Reaktionen deines autonomen Nervensystems bewusst wahrzunehmen und zu nutzen. Freude, oft spontan und unerwartet, kann dabei eine Schlüsselrolle spielen. Manche Teilnehmende der Studie beschrieben Freude als «Pausenknopf» vom Grübeln und als Türöffner zu einem tiefen Gefühl von Präsenz.
Nervensystem-Coaching in St.Gallen, Zürich oder online arbeitet traumainformiert und polyvagal-informiert genau mit solchen Ressourcen: nicht mit Biohacking, sondern mit dem, was dein Körper bereits kann.
Fazit
Das aktive Erkennen, Wahrnehmen und Schaffen von Momenten der Freude ist ein wichtiger Bestandteil von körperfokussiertem Coaching. Wir nutzen Freude als Anker, als Brücke und als Türöffner zu neuen Chancen, wo wir aktuell vielleicht nur riesige Hindernisse sehen. Natürliche Vagusnerv-Stimulation beginnt oft nicht mit grossen Massnahmen, sondern mit dem bewussten Wahrnehmen kleiner, echter Momente.

Gisèle Ladner
Nervensystem-Coach
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