Existentielle Frustration: eine neue Burnout-Perspektive
Neurogespür

«Ich habe zu viel gearbeitet, geleistet, gegeben, deshalb bin ich jetzt erschöpft.» Burnout wird meist mit einem «Zu viel» an Leistung erklärt. Als polyvagal-informierte Coachin möchte ich eine weitere Perspektive ergänzen: die existentielle Frustration, jahrelang gerannt zu sein und das eigentliche Ziel trotzdem nicht erreicht zu haben.
Rennen in der Überaktivierung, gestoppt durch die Notbremse
Im polyvagal-informierten Coaching sprechen wir davon, dass wir manchmal so lange in einer sympathischen Übererregung laufen und unser Ziel trotzdem nicht erreichen, dass die letzte und stärkste Kraft in unserem Nervensystem übernimmt: die dorsal-vagale Notbremse, die uns wie eine Kraft von oben lähmt. Nichts geht mehr.
In einer nicht polyvagal-informierten Betrachtung konzentrieren wir uns oft darauf, dass diese Notbremse schlecht ist. Wir sind müde, können nicht mehr leisten, sind verzweifelt, erschöpft, traurig und taub. Wir fürchten uns davor, nie wieder die gewohnte Leistung abrufen zu können, und erhoffen uns von einer Auszeit, dass wir danach einfach wieder erholt zurückkehren können.
Die Erschöpfung ist eine gesunde, lebenswichtige Reaktion
Eine polyvagal-informierte Betrachtung weiss: Wenn unser Nervensystem zur dorsal-vagalen Vollbremse greift, ist das keine Bestrafung dafür, zu wenig geschlafen und zu viel gearbeitet zu haben. Wir werden beschützt. Das zeigt, dass unser autonomes Nervensystem einwandfrei funktioniert.
Der dorsal-vagale Ast des Nervus Vagus gilt in der Polyvagal-Theorie, nach der ich im heart space St.Gallen arbeite, als der älteste Teil unseres autonomen Nervensystems. Er ist für unseren Totstellreflex zuständig, den wir auch aus der Tierwelt kennen. Er kommt zum Einsatz, wenn eine Situation über unsere Neurozeption als so bedrohlich beurteilt wird, dass es für unsere überlebensorientierte Biologie am sichersten erscheint, uns für einen Moment sprichwörtlich aus dem Leben zu reissen.
Diese Massnahme greift, wenn plötzlich etwas lebensbedrohlich ist, oder eben dann, wenn wir schon so lange in einer sympathisch aktivierten Übererregung laufen, dass unser Körper an den Rand seiner Ressourcen kommt und entscheidet: Eine gefühlte Bedrohung liess sich nicht mit Handlung neutralisieren, wir brauchen eine andere Massnahme.
Warum «nur weniger arbeiten» nicht reicht
Warum ist eine neue Betrachtungsweise für Erschöpfungs- und Burnout-Zustände wichtig? Wenn wir uns nur darauf konzentrieren, dass wir zu viel gearbeitet, zu oft erreichbar sein müssen oder einfach zu viel gegeben haben, verändern wir vielleicht die Umstände, aber nicht unsere innere Strategie.
Die eigentliche Frage sollte sein: Welches Ziel wollten wir eigentlich erreichen, indem wir so viel gearbeitet, geleistet und gegeben haben? Welche unbewusst empfundene Bedrohung haben wir versucht, mit der Strategie der Leistung in Schach zu halten? Bedrohung meint hier weniger etwas Konkretes, sondern eher entwicklungsgeschichtlich: Wir brauchen zum Überleben physische Unversehrtheit und soziale Bindung.
Welches Ziel wollten wir eigentlich erreichen?
Eine zu wenig thematisierte Bedrohung im Zusammenhang mit Workaholismus und Selbstaufopferung ist das Bedürfnis nach sozialer Bindung, und die Angst, dass diese fehlt. Wir brauchen vom ersten Tag unseres Lebens an eine Person, die präsent ist, uns wahrnimmt und beim Überleben hilft. Unbewusst lernen wir Strategien, um uns diese Präsenz und Bindung zu sichern.
Leistung kann genau so eine erlernte Strategie sein, mit der wir versuchen, uns endlich die sichere Präsenz einer sozialen Bindung zu sichern. Vielleicht gibst du immer und immer wieder alles für Freund:innen, wirfst eigene Bedürfnisse über Bord, um eine gute Freundin oder ein guter Freund zu sein, und wenn du selbst eine Person brauchst, ist trotzdem niemand da. Oder du bist ein Arbeitstier, erledigst 199 Dinge perfekt, und wegen einer vergessenen Sache fühlst du dich plötzlich komplett aberkannt und möchtest nur noch schlafen.
Wenn wir unbewusst dazu angetrieben werden, alles zu geben, und sich unser Wunsch nach gefühlter Sicherheit in Form von sozialer Bindung, Anerkennung und Zugehörigkeit trotzdem nicht einstellt, erleben wir irgendwann eine existentielle Frustration: Obwohl wir alles gegeben haben, kommen wir nicht zum Ziel, stehen wieder allein da und werden wieder nicht gesehen.
Verstehen, warum wir leisten, statt nur wie wir weniger leisten
Es gibt viele Einflüsse, warum wir Leistung, ständiges Tun und Geben als Strategie entwickeln. Aber bevor wir nicht verstehen, warum wir das tun und welches unbewusste Ziel dahintersteckt, wiederholen wir diese Strategie auch in einem veränderten Umfeld und verfallen wieder in Übererregung und anschliessende Erschöpfung.
- Beobachte, für welches Gefühl von Anerkennung oder Zugehörigkeit du wirklich leistest.
- Frage dich, was passiert, wenn du einmal nicht «alles gibst».
- Nimm wahr, wie sich dein Körper anfühlt, kurz bevor die Erschöpfung einsetzt.
- Suche dir Unterstützung, um deinen Vagustonus und deine innere Sicherheit gezielt zu stärken.
Wenn du ständig zwischen Erschöpfung und Übererregung pendelst, lohnt es sich, dein Nervensystem, also deine ventral-vagalen, sympathischen und dorsal-vagalen Kräfte, wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Im polyvagal-informierten Nervensystem-Coaching in St.Gallen, Zürich oder online arbeiten wir in Gesprächen daran, deine Strategien und Muster zu verstehen, und über den Körper daran, deine gefühlte innere Sicherheit zu stärken.
Fazit
Burnout und Erschöpfung sind selten nur eine Frage von «zu viel Arbeit». Oft steckt eine existentielle Frustration dahinter: Wir haben alles gegeben, um Sicherheit und Bindung zu finden, und das Ziel trotzdem nicht erreicht. Wer versteht, warum er oder sie leistet, kann die eigentliche Strategie verändern, statt nur die Symptome zu behandeln.

Gisèle Ladner
Nervensystem-Coach
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