Die Angst, Fehler zu machen: verstehen und lösen
Neurogespür

Viele Menschen stehen unter dem inneren Druck, alles richtig machen zu müssen. Dahinter steckt oft eine tiefe Angst, Fehler zu machen – und ein Nervensystem, das Fehler als echte Gefahr bewertet. Im Nervensystem-Coaching in St.Gallen und online schauen wir, wie diese Angst entsteht, warum sie zu Perfektionismus, Prokrastination und Blockaden führt – und wie du sie Schritt für Schritt lösen kannst.
Warum die Angst davor, Fehler zu machen, so stark sein kann
Immer wieder begleite ich Menschen im Nervensystem-Coaching in St.Gallen und online dabei, besser zu verstehen, warum sie sich so gestresst fühlen. Der Druck, alles richtig zu machen, spielt dabei oft eine zentrale Rolle.
Viele meiner Klient:innen fühlen sich ständig getrieben. Wenn wir genauer hinschauen, entdecken wir dahinter oft grosse Bemühungen, alles richtig zu machen – und damit eine tiefe Angst, Fehler zu machen.
Wenn der Kopf weiss, dass Fehler erlaubt sind – der Körper aber mit Stress reagiert
Die grosse Herausforderung: Viele Menschen wissen rational, dass sie nicht alles richtig machen müssen. Sie wissen auch, dass meistens nichts Dramatisches passiert, wenn ein Fehler passiert.
Trotzdem löst der Gedanke an einen möglichen Fehler Unruhe, Anspannung oder Gedankenrasen aus. Der Körper reagiert, als wäre ein Fehler gefährlich. Dieses Spannungsfeld kennen viele: Der Kopf versteht etwas, der Körper reagiert trotzdem mit Stress. Wie das autonome Nervensystem solche Bewertungen trifft, erkläre ich im Artikel Autonomes Nervensystem einfach erklärt.
Der Versuch, alles richtig zu machen – als Strategie für Sicherheit
Zu versuchen, alles richtig zu machen, ist oft eine Strategie, die irgendwann im Leben erlernt wurde, um sich unbewusst sicherer zu fühlen. Dahinter stehen häufig Erfahrungen, in denen Fehler negative Konsequenzen hatten: Bestrafung, Liebesentzug, Kritik oder Beschämung.
Oft überlagern sich viele Erfahrungen und Faktoren, sodass ein Mensch innerlich lernt: Wenn ich alles richtig mache, bin ich sicher. Im Umkehrschluss werden Fehler zu einer möglichen Gefahr, die mit grosser Anstrengung vermieden werden muss.
Wie die Angst vor Fehlern zu Stress und Blockaden führen kann
Im Coaching betrachten wir den Versuch, alles richtig zu machen, als eine unbewusste Strategie, die einmal sinnvoll war. Diese Strategie funktioniert oft lange gut. Menschen mit dieser Prägung sind häufig fleissig, pflichtbewusst und engagiert – und bemühen sich, gute Freund:innen, Partner:innen oder Eltern zu sein.
Gleichzeitig entsteht eine konstante innere Anspannung. Manche Menschen entwickeln mit der Zeit eine so grosse Angst davor, einen Fehler zu machen, dass sie blockiert sind und nicht mehr wissen, was sie tun oder sagen sollen. Wie sich chronische Anspannung im Alltag zeigt, beschreibe ich im Artikel Dauerstress verstehen.
Die soziale Dimension von Fehlern und Bewertung
In der Nervensystem-informierten Arbeit sehen wir häufig, dass Strategien, mit denen wir uns sicherer fühlen wollen, einen sozialen Hintergrund haben. Auch die Forschung zeigt: Menschen vermeiden Fehler oft wegen möglicher sozialer Konsequenzen (Sagar & Stoeber, 2009; Levinson & Rodebaugh, 2013).
Die Angst, Fehler zu machen, entsteht häufig aus der Sorge vor negativer Bewertung, Scham oder sozialen Erwartungen. Unbewusst versuchen Menschen zu verhindern, dass sie kritisiert, ausgeschlossen oder abgewertet werden.
Typische Verhaltensweisen bei Angst vor Fehlern
Der Versuch, alles richtig zu machen und Fehler zu vermeiden, führt zu Verhaltensweisen, die wir oft für Charaktereigenschaften halten oder für die wir uns selbst kritisieren:
- Perfektionismus
- Prokrastination
- Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen
- Überanpassung
- Immer zu allem Ja sagen
- Möglichst umgänglich sein, keine Konflikte verursachen
- Das Gefühl, immer perfekt vorbereitet sein zu müssen
- Herausforderungen vermeiden
Diese Muster entstehen nicht aus Schwäche, sondern aus dem Versuch, Sicherheit herzustellen.
Wie Nervensystem-informierte Arbeit helfen kann
Nervensystem-informiertes Coaching begleitet dich dabei, zu verstehen, warum du inneren Stress oder Blockaden erlebst. Es geht nicht darum, sich einfach weniger anzustrengen oder sich mehr zusammenzureissen.
Du lernst Schritt für Schritt, deine Stressreaktionen wahrzunehmen und freundlicher mit dir umzugehen, wenn etwas nicht perfekt gelingt. So entsteht nach und nach mehr innere Sicherheit – und damit auch mehr Freiheit, Fehler zu machen, Entscheidungen zu treffen und neue Erfahrungen zu sammeln.
Fazit
Die Angst davor, Fehler zu machen, ist kein persönliches Versagen. Häufig ist sie das Ergebnis von Erfahrungen und Strategien, die einmal geholfen haben, Sicherheit zu schaffen.
Wenn wir verstehen, wie Stress, Bewertung und das Nervensystem zusammenwirken, können wir diese Muster verändern. Es wird möglich, mit Fehlern gelassener umzugehen und Blockaden zu lösen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Sagar, S. S., & Stoeber, J. (2009). The central role of fear of failure in perfectionism. Personality and Individual Differences. PDF
- Levinson, C. A., & Rodebaugh, T. L. (2013). Clarifying the prospective relationships between fear of negative evaluation and social anxiety. PMC
- Thompson, T., Foreman, P., & Martin, F. (2000). The impostor phenomenon and concern over mistakes. Personality and Individual Differences. ScienceDirect
- Conroy, D. E., Willow, J. P., & Metzler, J. N. (2002). Multidimensional fear of failure and performance avoidance. Journal of Applied Sport Psychology.
In meiner Arbeit nutze ich Konzepte aus der Polyvagal-Theorie und der Stressforschung. Diese bildhaften Modelle helfen, komplexe Stress- und Schutzreaktionen einfacher zu verstehen. Sie sind Landkarten, keine medizinischen Diagnosen.

Gisèle Ladner
Nervensystem-Coach
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